Interview mit Akduell zur aktuellen Gebetsraumdebatte

1. Betreibt Ihr den Gebetsraum auf dem Campus Essen?

Der Islamische Studierendenbund, eine ehrenamtliche und unabhängige Hochschulgruppe, ist seit über 30 Jahren der Ansprechpartner des Gebetsraumes und hat sich von Anfang an um diesen Raum gekümmert.

2. Wie habt ihr von der Schließung erfahren?

Über die Medien! Die Nachricht hat sich rasant verbreitet. Sowohl die betroffene, als auch die nicht betroffene Studierendenschaft & wissenschaftliche Mitarbeiter*innen sind über die Schließung schockiert. Wir bedauern es sehr, dass wir über diesen Weg in Kenntnis gesetzt wurden.

3. Was haltet Ihr von der Schließung?

In Anbetracht der großen Nachfrage und Nutzung des Raumes halten wir eine endgültige Schließung nicht für sinnvoll. Vor paar Jahren wurden bei einer Stichprobe am Tag ca. 250-300 Personen im Raum gezählt. Die Zahl ist steigend. Der 30-jährige Gebetsraum hat Tradition und ist ein Zeichen für Wertschätzung, was unsere Universität auszeichnet.

Im Hinblick auf die Schließung wurde u. a. damit begründet, dass im Vergleich vor 30 Jahren, sich viele Moscheen im Umfeld der Universität entwickelt haben, die von den muslimischen Studierenden genutzt werden könnten. Die Praxis könnte sich jedoch als schwierig gestalten. Es gibt lediglich eine Moschee, welche in mind. 15 Minuten zu Fuß erreichbar wäre. Diese ist wiederum selbst überfüllt und das ohne unsere Studierenden.

4. Habt Ihr Kenntnis von den Vorfällen, die im WAZ-Artikel beschrieben werden?

Nein, solche Vorfälle wurden noch nie an den ISB getragen und selbst das gesamte Rektorat bestätigte uns persönlich, dass weder in schriftlicher oder mündlicher Form diese vorliegen. Das Rektorat hat sich auch deutlich in der aktuellen Pressemitteilung von dem Inhalt des Artikels distanziert, da sie die Zusammenarbeit mit dem ISB schätzt. Wir blicken auf eine sehr positive Zusammenarbeit.
Die Journalist*innen haben die Informationen der Universitätsleitung in einen aktuellen medial aufgebauschten und auch frauenfeindlichen Diskurs gestreut. Dies bedauern wir sehr und weisen die Vorwürfe auf das Schärfste zurück.

5. Stimmt es, dass zum Freitagsgebet nur Männer Zutritt zum Gebetsraum haben? Wenn ja, warum ist das der Fall?

Aus Platzgründen besuchen Frauen das Freitagsgebet nicht, da es für sie keine Pflicht ist, im Gegensatz zu den Männern.

Es gilt und galt nie ein Verbot, dass weibliche Studierende den Raum zur besagten Zeit nicht besuchen dürften. Bis dato fühlte sich keine Frau auf irgendeiner Weise daran gehindert, ihr rituelles Gebet zu verrichten, noch erhielten wir solche Beschwerden.

7. Auf dem Campus Essen gibt es eine Campus Kapelle. Sollte ein überkonfessioneller Raum der Stille entstehen, findet Ihr dann, dass Christ*innen mit der Kapelle bevorzugt würden?

Die Kapelle gehört offiziell nicht zur Verwaltung der Universität, auch wenn sie auf dem Campus-Gelände ist und allen Studierenden zur Verfügung steht. Der Begriff “Bevorzugung” ist hier auch nicht richtig gewählt. Letztendlich geht es um die Nachfrage und neben den christlichen Kommiliton*innen stellen die Muslime die nächst nennenswert große religiöse Gruppe am Campus dar. Die räumlichen Ressourcen der Universität sind begrenzt und sie bauen immer weiter aus, darum halten wir es nur für Fair, dass man in erster Linie den Nutzungsbedarf betrachtet, welcher bei den Christen und Muslimen am größten ist.

8. Warum sind Gebetsräume für Euch wichtig auf dem Campus?

Das Herzstück der Muslime an der Uni ist der Gebetsraum, der bereits seit 30 Jahren existiert! Er hat Tradition und ist Zeichen für Weltoffenheit. Der Gebetsraum im Zentrum der katholischen sowie evangelischen Theologie, ist eine wunderbare symbolische Präsenz, dass der ISB gemeinsam ein öffentliches Bekenntnis für Toleranz und Miteinander repräsentiert und verkörpert.

Der Gebetsraum ist wichtig, weil von einem Großteil der Muslime das tägliche Gebet als Pflicht wahrgenommen wird, Tendenz steigend. Die Existenz eines solchen Raumes gewährleistet im Grunde, dass der Campus von muslimischen Studierenden als Lebensraum wahrgenommen wird. Studierende verbringen schließlich fast den halben Tag an der Universität und haben entsprechend auch alltägliche Bedarfe angefangen von einer Mensa bis zur Sparkasse etc. an einer Universität. Man kann den Ort als das zweite Zuhause betrachten. Insofern ist es den religiösen Studierenden wichtig, ihren spirituellen Bedürfnissen nachzukommen.

So schaffen es die Studierenden in den Pausen kurz zu beten und dann zu ihren Veranstaltungen zu gehen, ohne den Campus zu verlassen.

Zudem laden die christlichen Kirchen als historische Mehrheitsreligion in eigene Räume ein, während die Muslime quasi als Ausgleich Universitätsräume zugestellt bekommen. Die pragmatische Lösung ist auch Tradition an vielen Universitäten in den USA.

9. Was haltet Ihr von dem Argument, dass die Universität ein säkularer Raum sein sollte und es Gebetsräume deshalb nicht auf dem Campus geben sollte?

Ein Gebetsraum an der Uni würde dem Säkularitätsgedanken in keinster Weise widersprechen. Die religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates bedeutet nicht, dass Religionsausübung von Individuen oder Gruppen innerhalb staatlicher Institutionen nicht möglich sein darf. Der Staat und seine Institutionen dürfen sich allerdings nicht selbst ein religiöses Bekenntnis zu eigen machen oder ein religiöses Bekenntnis gegenüber anderen bevorzugen bzw. benachteiligen.

10. Ist euch bekannt oder zugetragen worden, dass es im Gebetsraum oder im Umfeld zu Auseinandersetzungen gekommen ist?

Nein, nichts dergleichen ist uns bekannt. Abgesehen natürlich von den Hass-Mails und den Nachrichten, welche wir vor allem seit dem WAZ-Artikel vermehrt erhalten. Man muss aber auch erwähnen, dass der ISB sich aus seinem Selbstverständnis heraus stets um Präventionsarbeit bemüht, damit es gar nicht erst zu solchen Problemen kommt. Der ISB achtet und schützt die verfassungsmäßig garantierten Rechte und Freiheiten und bekennt sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Wir bezwecken und fördern in unserer Arbeit, die Toleranz auf allen Gebieten der Kultur und des Völkerverständigungsgedanken. Da hat jegliche Form frauenfeindlicher oder menschenverachtender Ideologie keinen Platz! Wir bieten u. a. in Kooperation mit unserem Dachverband RAMSA e.V. gesellschaftspolitische Schulungen an, setzen uns gemeinsam für den interreligiösen und interkulturellen Dialog ein und pflegen den Kontakt zu den muslimischen Studierenden, welche uns als ihr Sprachrohr ansehen. Sollten uns Fälle bekannt sein, würden wir auch sofort intervenieren.

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Kritik am undifferenzierten WAZ Artikel

Liebe Freunde,

wie ihr mitbekommen habt, hat ein Artikel der WAZ mit falschen Informationen über den Umgang mit dem Gebetsraum an unserer Uni für Verwirrung und Ängste gesorgt.

Im folgenden die Pressemitteilung unseres AStA dazu und unsere Antwort an die WAZ, die heute in einer E-Mail eine Stellungnahme von uns forderte.

AStA kritisiert WAZ-Artikel

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

mit großem Bedauern haben wir Ihre Berichterstattung zum Thema Gebetsraum an der Universität Essen wahrgenommen. Wir wissen, dass verschiedene Universitäten gezielt von JournalistInnen nach dem -sehr speziellen und Ausnahmefall Dortmund- kontaktiert wurden, mit dem Ziel zu erfahren, wie es vor Ort mit dem eigenen Gebetsraum ausschaut. Die muslimische Studierendenschaft in Dortmund ist ihrer Linie des Dialogs gefolgt; die Universität ist offen für die Bedürfnisse nach einem Ort der Ruhe und der Einkehr: http://www.tu-dortmund.de/uni/Uni/aktuelles/meldungen/2016-02/16-02-12_raum/Antwort_Rektorat_160212.pdf.

Das Verhältnis zwischen den muslimischen Studierenden an der Universität Duisburg-Essen und der Universitätsleitung ist ein vertrauensvolles und sehr positives. Schon oft wurde erfolgreich zusammengearbeitet. So auch in der von Ihnen erwähnten „Comik-Plakat“ Angelegenheit. Dieser Einzelfall einer Einzelperson wurde konstruktiv gelöst. Es wurde eine Fachtagung organisiert und der allgemeine Studierendenausschuss (AStA) hat auch mit unseren Stimmen das Duisburger “Institut für Sprach- und Sozialforschung zu gesellschaftlichen Entwicklungen im In- und Ausland” für eine Expertise beauftragt zum Thema ‘„What Institutions can do. Analyse der medialen Eskalation anlässlich der Ausstellung „What Comics can do“‘. Weder wir, noch die Universität hat sich von Scharfmachern jeglicher Couleur irritieren lassen. In einem vertrauten und weniger emotionsbeladenen Rahmen, den wir aus der Universität gewohnt sind, konnten wir jedes Thema konstruktiv bearbeiten.

Die Uni Essen war gar nicht darauf aus, die Information bzgl. der Schließung zu streuen und schon gar nicht in einen bedauerlicherweise medial aufgebauschten aktuellen frauenfeindlichen Diskurs zu speisen. Wir sind enttäuscht darüber, dass die Uni Essen in so ein Dilemma gebracht wurde. Wir können uns indes nicht des Eindrucks verwehren, dass dies seitens manchem Fragesteller bewusst geschah.

Uns fällt es schwer, Vertrauen zu fassen nach so einer dramatisierenden Berichterstattung. Der AStA, wohlgemerkt die Studierendenvertretung, hat Ihre Berichterstattung, scharf kritisiert. Die Universitätsleitung hat sich von den Inhalten Ihres Berichtes sogar distanziert.

Wir hoffen, dass wir ggf. mit einer/m weniger voreingenommenen Redakteur_in einen Neuanfang starten können. Wir sind jederzeit bereit für einen ehrlichen, ergebnisorientierten und konstruktiven Dialog. Eine gesonderte Stellungname zur Gebetsraum-Thematik wird von unserer Seite folgen.

Mit freundlichen Grüßen,
Islamischer Studierendenbund Essen

 

 

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